"Schule statt Straße"

Dann auf nach Uganda

Einkaufen im  Supermarkt von Kampala, ohne auch ein paar Süßigkeiten mitzunehmen, um sie den Dorfkindern in Ttaba zuzustecken – undenkbar. Wie sich dieses Zustecken dann abspielte – unvorstellbar: diese ungekünstelt dankbare Herzlichkeit. Die Mädchen machten sogar einen spontanen tiefen Knicks und eine Verbeugung bis zum Boden. Die Zeremonie zog sofort immer mehr Kinder an. Plötzlich waren die Bonbons alle. Enttäuschte Gesichter. Ein Junge biß sein Bonbon in zwei Teile und gab die Hälfte einem Neuankömmling – unglaublich. Andere machten es nach.

"Kaum zurück in Münster", erzählt jetzt Martin M., "war ich beim Frisör. Der fertigte gerade einen kleinen Jungen ab. 'Willst Du noch einen Lolly?' fragt ihn der Frisör. Der Junge knurrt: 'Nö'. Ach ja", erinnert sich Martin: "Ich bin ja wieder in Europa."

Eigentlich war für Sommer 2006 Nigeria im Visier. CIDJAP (Catholic Institute for Development, Justice and Peace), unsere Partnerorganisation in der Provinzhauptstadt Enugu, hatte schon alles vorbereitet. Aber die Familien der Teilnehmer meldeten Sorgen an: Das Land sei nicht sicher. Im Ölgebiet um Port Harcourt würden ständig Leute entführt. Auch das Auswärtige Amt habe gewarnt... Also nichts mit Nigeria. Nun denn, dann auf nach Uganda.

Seit 1994 hatten Jahr für Jahr je einige deutsche Studenten, darunter der eine oder andere noch Oberschüler oder schon im Beruf, die Ferien in einem Dorf in Lateinamerika verbracht und dort die Dorfschule saniert oder neu gebaut. Seit 1998 in Nicaragua. Für die Dorfbewohner war das eine Hilfe. Hauptgewinner waren jedoch nach eigenem Bekunden stets die Teilnehmer selbst. "Schule statt Straße" heißt das Programm. Es ist eine Initiative junger Leute. RDS hilft ihnen. Nach elf Jahren Mittelamerika nun also – im Sommer 2006 – Afrika.

Daß im Norden Ugandas ein regelrechter Krieg herrscht, war kein Thema gewesen. Ein Krieg von der üblen Sorte sogar: eine  schwer durchschaubare Mischung von Grenz- und Bürgerkrieg, bei dem die rebellische The Lord's Resistance Army mit ihren Kindersoldaten vom südsudanesischen Territorium aus agiert. In der Region um die Hauptstadt Kampala haben wir 10 Deutsche und der junge Priester, der mit von der Partie war, aber davon nichts bemerkt – abgesehen von der Armut der Menschen. Die  kriegsbedingt brachliegende Wirtschaft hat sie noch verschärft.

Bis es am 14. Juli losging, hatten wir, Andreas, Benedict, Ferdinand, Eusebio, Markus, Matthias, Paul, Philipp, Thomas und Ulrich, für die Reisekosten gespart und gearbeitet. Und wir hatten Geld gesammelt, um die Baumaterialien, Transportkosten und die eine oder andere sonstige Hilfsleistung vor Ort zu bezahlen. Die Kyoga Foundation in Kampala, Gastgeber und Organisator des Einsatzes im Dorf Ttaba, hatte noch 14 Studenten aus Uganda und Kenia eingeladen. Wir waren also eine interkulturellen Mannschaft von 25 kräftigen jungen Männern. Die Herausforderung in Ttaba: Bau einer Schule auf der sprichwörtlichen grünen Wiese. Die stellte sich allerdings mehr als Buschgelände heraus. Nach der Begrüßung und privilegierten Behandlung am Sitz der Kyoga-Foundation in der Hauptstadt erwartete uns Deutsche eine nicht mindere Herausforderung: die Umstellung auf bislang unvorstellbare Lebensverhältnisse.

Daß er sich unter einer Gießkonstruktion geduscht hatte, bereute Ferdinand sofort, als er bemerkte, daß er das Wasser für die ganze Farm verbraucht hatte, in der wir untergebracht waren. Übrigens: Der Abwässer nimmt sich der Viktoriasee an.

Ttaba-Einsatz kurzgefaßt: drei Wochen nachts Schlafsack, morgens von der Farm statt im Taxi in einem überfüllten Truck über Trassen, die wohl einmal richtige Fahrwege waren, ehe sie von Wassermassen teilweise weggespült  wurden. Am Tag dann 8-10 Stunden harte Arbeit unter primitivsten Bedingungen, ohne jeglichen Maschineneinsatz. Das war das eine.

Das andere: Der Einsatz schweißte zusammen. Nicht minder die tägliche gemeinsame frühe Feier der Hl. Messe auf der Farm und der abendlich kurze geistliche Vortrag. Unser Priester, der auch harte Arbeit nicht scheute, bewährte sich hier in  Englisch, wie sich versteht Aus dem guten Geist der Mannschaft entwickelten sich bald deutsch-deutsche, deutsch-ugandesische, deutsch-kenianische Freundschaften.

Wer vor  unserem Ttaba-Hintergrund solch kräftige und gesunde, gebildete, weltläufige und ambitionierte Freunde voller Tatendrang kennenlernt wie unsere Begleiter und Helfer aus Kampala und Nairobi, bedarf nie mehr einer Belehrung darüber, wie wichtig Bildung für Entwicklung ist.

Und dann das Miteinander mit den Leuten im Dorf: eine einzige Lektion in Lebenskunst und Lebensfreude. Sie könnten ihr Leid beklagen, den nahen Krieg fürchten, uns Deutsche beneiden. "People from Germany – you are heartly wel-o-come" singen sie und trommeln und klatschen dazu. Die Frauen lassen es sich nicht nehmen, uns Mahlzeiten zu bereiten – opulente Mahlzeiten für dortige Verhältnisse. Die Kosten wollten wir am Ende begleichen. Wir haben alles versucht. Sie nahmen nichts an. Vielmehr schenkte uns das Dorf noch zum Abschied ein Huhn. Und bei der abschließenden Eucharistiefeier im Dorf brachten die Dorfbewohner noch verschiedene Gaben vor den Altar. Für uns bestimmt.

Und erst die Kinder! Erstens sind sie überall und immer viele – und strahlen, arm wie sie sind: stets wenn eine Kamera blitzt, wenn sie ein kleines Bonbon ergattern, aber auch einfach so.
Dem stets fröhlichen, aufgeweckten dreijährigen Thomas, ein Waisenkind, das eine Frau im Dorf bei sich aufgenommen hat, imponierte gewaltig der Anblick der "mzungus", der weißen Menschen. Er quittierte es mit Dauerstrahlen. Der Fünfjährige neben ihm klaubte täglich morgens seine wenigen Brocken Englisch zusammen, um sich selbst vorzustellen: "I am Henry. Thanks. I'am fine. How are you?" Und lacht breit dazu. Mich hat es schon getroffen, als ich erfuhr, daß der Junge Aids hat.

Über die Hälfte der 60 strahlenden Kinder im Dorf haben bereits ihre Eltern verloren – Aids! Die Kinder sind dann recht unkompliziert bei Verwandten oder Nachbarn untergekommen. Waisenhäuser gibt es nicht. Eine ältere Frau hatte gleich mehrere bei sich aufgenommen und sorgt für sie.

Fred, schon 13, erklärt entschieden, später wolle er nach Deutschland. Warum? Auf die Frage
druckst er herum. Darauf, daß er auch in Uganda ein gutes Leben führe könne, wenn er sich um eine gute Ausbildung bemühe, läßt er sich nicht ein. Deutschland, das Wort weckt bei ihm eine Vorstellung vom Paradies. Schließlich bringt er heraus, er wolle sich nicht immer vom Müll ernähren müssen.
 
Auch waren die Kinder weder empfindlich noch nachtragend. Eine für uns peinliche und beschämende Episode: Eines Abends fehlte der Schlüssel zum Werkzeug- und Materialschuppen. Der Dorflehrer hatte gleich zwei Jungen im Verdacht, die sich, zum Verhör aneinander gebunden, dann gegenseitig beschuldigten – bis sich herausstellte, daß einer von uns  den Schlüssel in der Tasche hatte. Wir schämten uns und taten Abbitte. Aber weder die beiden Verdächtigten noch die anderen Kinder trugen es uns nach. Ihre Gemüter erwiesen sich in ihrer Fröhlichkeit als eindrucksvoll robust.

"Nirgendwo anders", meint Benedikt fünf Wochen nach der Rückkehr aus Uganda, "habe ich bisher so strahlende Gesichter gesehen, völlig frei von Reizen einer Umwelt, wie sie uns umgibt und die wir als solche kaum noch wahrnehmen. Ich war tief beeindruckt zu sehen, daß es zum glücklich sein kaum materieller Dinge bedarf. Die wirklich wichtigen Dinge gehen in unserem Alltag oft verloren. Manche Freunde, die in der selbstverständlichen Annahme, ich sei zum Braunwerden oder als Entdecker nach Afrika geflogen, haben mich dann gefragt, wie es denn dort gewesen sei. Als ich Ihnen erzählte, daß ich im "Urlaub" wirklich frohe Menschen entdeckt habe, fiel ihnen erstmal nichts mehr ein.

Übrigens: Als wir am 6. August von Ttaba Abschied nahmen, waren wir mit der Schule nicht ganz fertig. Es fehlte noch etwas am Dach, und auch im Inneren blieb noch einiges zu tun. Aber da darf ich, denke ich, wohl darauf vertrauen, daß unsere Freunde von Kampala und vielleicht sogar auch die von Nairobi sich darum kümmern werden.

 

Ulrich Nagel

 












 
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